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Gustav FreytagErinnerungen aus meinem Leben |
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10. Arbeiten der Mannesjahre. (1) Meine unsichere Gesundheit, die sich nach 1848 in der Stadtluft von Leipzig nicht kräftigen wollte, hatte den Arzt veranlaßt, für den Sommer Landaufenthalt zu empfehlen. Im Jahre 1851 erwarb ich deshalb ein Landhaus mit Garten zu Siebleben bei Gotha. Das altfränkische Haus, gerade für einen bescheidenen Haushalt ausreichend, war im Anfange des Jahrhunderts von dem Minister Gotha's, Sylvius von Frankenberg, eingerichtet worden, es hatte damals oft die Gäste von Weimar: Karl August, Goethe und Voigt auf ihren Fahrten nach Eisenach beherbergt und war in ihrem Kreise unter dem Namen "die gute Schmiede" wohl beleumdet gewesen. Jetzt stand der kleine alte Bau, nach manchem Wechsel der Besitzer, als ein Zeugniß, wie enge, anspruchslos und doch behaglich ein früheres Geschlecht gehaust hatte. Ich fühlte mich in dem Besitz sehr wohl und siedelte jedes Frühjahr gern dorthin über. Die heitere Ruhe förderte mir auch die literarische Thätigkeit, dort ist bei Weitem der größte Theil meiner größeren Arbeiten ausgesonnen. Seitdem verlief mein Leben, wie das unserer alten Heidengötter, zweigetheilt zwischen Sommer und Winter; so oft der Frühling kam, die Obstbäume blühten, Fink und Staar ihre Stimmchen erhoben, zog ich hinaus ins freie Land, dort pflanzte ich Blumen, beobachtete meine alten Lieblinge die Kürbisse, sprach mit meinen Dorfleuten kluge Worte und schrieb an meinen Büchern; genoß den Zuspruch werther Männer aus der Nähe und Ferne, verkehrte auch artig nach Hofbrauch mit Fürsten und hohen Herren. Wenn aber der Wintersturm über die kahlen Felder fegte, fuhr ich mit der Heldenschaar meiner Phantasiegestalten nach der Stadt zurück, wurde Journalist und hauste, von meinen Artikeln, den Raben, umflattert, im Schatten der Bücherschränke. Dort freute ich mich an dem Hausverkehr mit vertrauten Männern der Stadt, die auf den Bänken der Wissenschaft lagerten oder im Rathstuhle und im Comptoir saßen. Im Winter sammelte ich ein, was ich im Sommer ausgab. In der Stille des Dorfes, unter dem Blätterdach alter Linden kam im Jahr 1852 wieder die Freude an eigener Erfindung. Ich war unter das Völklein der Journalisten gerathen und trug im Herzen die Bilder vieler närrischer Käuze, die ich kennen gelernt. Da machte es sich wie von selbst, daß ich dies Stück Welt, in welchem ich mit Behagen verkehrte, für mein altes Handwerk in Anspruch nahm. Die Vorbilder für die kleinen Typen der Charaktere fand ich überall in meiner Umgebung, auch die Handlung: Wahl eines Abgeordneten, an welcher meine Journalisten sich zu betheiligen hatten, lag sehr nahe. Ich schrieb das Lustspiel "Die Journalisten" in den drei Sommermonaten nieder. Nie ist mir ein Plan so schnell fertig geworden als dieser, auch bei der Arbeit empfand ich mit Befriedigung, daß die vor Jahren erworbene Sicherheit im scenischen Ausdruck unvermindert war. Als ich das fertige Stück im Herbst nach Leipzig brachte, meinte ich, mein Genosse Schmidt müßte, nächst meiner Hausfrau, der erste sein, welcher ein Urtheil darüber auszusprechen hatte, ich trug es dem Ueberraschten zu und hatte die Genugthuung, daß er damit einverstanden war. Alsbald besorgte ich Bühnendruck und Versendung und sah mich auf einmal wieder im Verkehr mit den deutschen Theatern. Zu den wohlwollenden Freunden, welche das Lustspiel gewann, gehörte Eduard Devrient, derzeit Leiter des Hoftheaters zu Karlsruhe. Ich beschloß also das Einstudiren und die Aufführung seiner Bühne zu einer Probe für mich selbst zu machen, um durch eigene Anschauung des Bühnenbildes über das Gelungene und Mangelhafte sicher zu werden. Als ich zu Karlsruhe eine gute Aufführung erlebt hatte, mußte das Stück in der Hauptsache für mich abgethan sein. Noch bei wenigen Aufführungen anderer Bühnen, die mir nahe lagen, war ich in den nächsten Monaten zugegen, später hielt ich mich fern. Jeder Schaffende hat darauf zu achten, daß ein beendetes Werk ihm selbst sobald als möglich in den Hintergrund gerückt werde, damit ihm während einer neuen Arbeit nicht frühere Gestalten in der Phantasie umhergaukeln und die Frische des neuen Bildens beschränken. Doch noch aus anderem Grunde sehe ich meine eigenen Stücke ungern auf den Brettern. Denn die Zurichtung, welche die deutschen Theaterstücke auf den verschiedenen Bühnen erhalten, nicht nur durch die Regisseure, sondern noch mehr durch beliebte Darsteller der einzelnen Rollen, wird dem Autor oft peinlich und unleidlich. Der Mangel an Pietät gegen den geschriebenen Text ist bei uns eine alte wohlbegründete Klage, er wird selbst von dem Publikum zuweilen als Uebelstand empfunden. Selten widersteht der deutsche Schauspieler der Versuchung, Stellen, die seinem Talent unbequem sind, wegzulassen, wohl auch an den Worten zu ändern, und was das Schlimmste ist, eigene kleine Erfindungen, von denen er sich eine Wirkung verspricht, dazwischen einzutragen. Solche Veränderungen in den Rollen und Textbüchern gehen an den Theatern von einer Generation der Schauspieler auf die andere über. In früherer Zeit fuhr ich zuweilen dazwischen, ich mußte es aufgeben, weil eine Ueberwachung von hundert Textbüchern auf die Länge unmöglich ist, und weil diese Unart auf's Engste mit dem Hauptleiden unserer Bühnen, Schwäche und Ohnmacht der Regie, zusammenhängt. Das Stück fand bei den deutschen Theatern schnelle und wohlwollende Aufnahme und die Gunst der Zuschauer ist ihm geblieben. In Berlin stand die königliche Bühne an, dasselbe in Scene zu setzen, weil damals bei Hof und Regierung Alles, was irgend. liberal erschien, verpönt war. Unverkennbar aber hatten die in dem Stück bevorzugten Journalisten der Union einen gewissen liberalen Strich. So erschien das Lustspiel zuerst auf einem andern Theater Berlins, die Intendanz nahm es aber auf, sobald sie vermochte, und hat es seitdem dem Publikum der Hauptstadt häufig zugetheilt. "Die Journalisten" wurden geschrieben, bevor die unglückliche Erfindung eines Zwischenvorhangs die Acte, welche Scenenwechsel haben, auseinanderriß. Deshalb ist im zweiten und vierten Act die Verwandlung nicht vermieden. Als einige Zeit darauf Eduard Devrient von einer Sitzung der Bühnenvorstände nach Siebleben kam und zufrieden mittheilte, es sei beschlossen worden, den Scenenwechsel innerhalb der Acte durch Herablassen eines Zwischenvorhangs zu decken, damit das widerwärtige Umstellen der Coulissen und Möbel den Augen der Zuschauer entzogen werde, da war der befreundete Mann betroffen, als ihm entgegengehalten wurde, daß man den Teufel austreiben wolle durch den Obersten der Teufel. Denn der Zusammenhang der Stücke wurde durch die neue Erfindung in ganz neuer Weise zerrissen, die Regisseure konnten sich seitdem nicht versagen, durch reichlichere Ausstattung mit allerlei Kram und unwesentlichem Beiwerk die einzelnen Scenen zu verzieren, Stücke mit häufigem Scenenwechsel von Shakespeare, Heinrich von Kleist und Anderen wurden in eine Reihe von Situationsbildern aufgelöst, und das ist ein sehr ernster Uebelstand für die künstlerische Gesammtwirkung dieser Stücke geworden. Wollte man den unleugbaren Uebelstand des Scenenwechsels bei offener Bühne mindern, so mußte man die vervollkommnete Technik unserer Bühneneinrichtungen gerade hier in Anwendung bringen, wo sie noth that, um den Wechsel durch Maschinerie, Versenkungen u. s. w. so schnell als möglich zu bewirken, immer aber mußte die Ausstattung der Scene mit Versetzstücken und Möbeln auf das Nöthigste beschränkt bleiben. Das Publikum freilich gibt sich gern der Betrachtung eines wohlgefälligen Theaterbildes hin, auch dem Schauspieler fördert vielleicht schmuckvolle Einrichtung einmal die gute Stimmung und kleine Kunstwirkungen. Aber Beides ist unwesentlich gegenüber der Gefahr, daß die Nebendinge zu einer Hauptsache werden. Wir haben seitdem erlebt, wie das Streben nach historischer Treue, stilvoller Einrichtung der Scenen, nach Beleuchtungseffecten, zeitgemäßem Costüm und Geräth sich ausgebreitet hat. Für die ernste Kunst ist das kein Vortheil. Alle guten dramatischen Wirkungen eines Stückes können vollständig zur Geltung kommen und würden in manchen Fällen größer sein, auch wenn das Stück von Anfang bis zu Ende vor demselben dunkeln Hintergrunde abgespielt werden müßte. Denn der Zuschauer ist sich doch immer bewußt, daß er nicht der Wirklichkeit gegenüber sitzt, und er soll diese stille Empfindung auch gar nicht verlieren. Nun ist selbstverständlich, daß wir nicht zu dem einfachen Brettergerüst alter Zeit zurückkehren können, und daß auch in Decorationen, Tracht und Beiwerk auf einen gewissen mittleren Durchschnitt der geschichtlichen Bildung unter den Zuschauern Rücksicht genommen werden muß. Diese Beachtung unserer geschichtlichen Kenntnisse darf sich aber auf der Bühne nie in den Vordergrund drängen. Und der Dichter, welcher es ehrlich mit seiner Kunst meint, wird sich sorgfältig hüten, solche decorative Wirkungen in seine Arbeit aufzunehmen. Er ist durch den Zwischenvorhang ohnedies in die Lage gebracht, jeden Scenenwechsel innerhalb des Actes vermeiden zu müssen. Das ist für ihn, zumal bei historischen Stoffen, eine Aufgabe, die oft unüberwindlich scheint. Aber fast immer vermag kluge Erfindung darüber hinwegzuhelfen. Das Lustspiel "die Journalisten" erschien 1853 im Buchhandel, zuerst allein, dann zusammen mit den früheren Stücken. So war ich wieder mit einem Erfolg über die Bretter gewandelt und es hätte nahe gelegen, in derselben Dichtungsform fortzufahren. Aber ich selbst war in diesen Jahren ein anderer geworden, die großen geschichtlichen Verhältnisse, in denen ich als Schriftsteller mich tummelte, Manches was ich erlebt und angeschaut hatte, die volle und starke Strömung des Lebens, welche mir jetzt durch die Seele zog, wollte sich in den Rahmen eines Theaterabends, in die knappe Form des Dialogs, und in die kurzen Scenenwirkungen nicht einpassen. Mich überkam der Wunsch, mein Verständniß der Zeit und was ich etwa von guter Laune besaß, mit der Fülle und Reichlichkeit auszusprechen, welche in einer poetischen Erzählung möglich wird. Im Sommer 1853 trat ich darüber mit den kleinen geflügelten Collegen, den Lyrikern meines Gartens in Berathung und begann meinen ersten Roman, welcher mich auch noch im nächsten Jahr beschäftigte. Im Winter schrieb ich wieder Artikel und redigirte die grünen Blätter. Nach den Tagen von Olmütz und Bronzell war Preußen einer trübseligen Reaction verfallen, und die Wochenschrift hatte keinen leichten Stand, wenn sie zu gleicher Zeit die Gegner Preußens verurtheilte und die Zustände in Preußen unzufrieden besprach. Die argwöhnische Gehässigkeit, mit welcher man damals zu Berlin jede selbständige Aeußerung in der Presse betrachtete, hatte bewirkt, daß auch gemäßigte Blätter keine von der Regierung unabhängigen Berichte über die Landtagsverhandlungen erhielten, jeder Correspondent, welcher in den Verdacht solcher Thätigkeit kam, wurde aus Berlin ausgewiesen, und doch verhielt sich die Opposition in jenen Jahren durchaus nicht unpatriotisch, ihr stärkster Vorkämpfer war Georg Vincke. Um diesem unleidlichen Nothstand in der Presse abzuhelfen, kamen im Winter 1853 einige Gesinnungsgenossen überein, durch kleine Beiträge eine autographirte Correspondenz zu erhalten, welche unentgeltlich an Zeitungen und an Parteigenossen in der Kammer versandt werden sollte. Ich übernahm es dieselbe einzurichten, ein junger Gelehrter in Berlin - es war Karl Neumann, der Geschichtsforscher - wurde bestimmt regelmäßig Kammerberichte nach Leipzig zu senden, dort war ein passender Redacteur für das Autographiren und den Versand an die Adressen geworben. Das kleine Unternehmen trat, bei den sächsischen Behörden angemeldet, ins Leben und erwies sich als nützlich. Die Zusendungen von Berlin, außer den Berichten Neumanns noch gelegentliche kleine Brief von Parteigenossen, wurden in der Regel an mich adressirt, durch mich dem Redacteur und Verleger zugestellt. Nun kam einmal unter den Eingängen eine kurze Mittheilung, in welcher berichtet wurde, daß der preußische Mobilmachungsplan dem Kaiser von Rußland verrathen worden sei, der Verrath war mit scharfen Worten verurtheilt. Die Thatsache war unleugbar, die Mittheilung derselben in der Presse aber erregte in Berlin den höchsten Unwillen. Es wurde deshalb die ganze Meute der Polizei, v. Hinkeldey, v. Nörner, Stieber nach Leipzig geschickt, dort mit Hilfe der sächsischen Behörde nach dem Verbreiter der Nachricht zu forschen. Der geforderte Redacteur der Correspondenz nannte mich als Uebersender. Darauf wurde von mir verlangt, daß ich den Urheber der Notiz nennen solle, und weil diese Forderung in Sachsen nicht gesetzlich zu begründen war, unter dem Vorwande, daß man dadurch dem Verräther des Mobilmachungsplans auf die Spur kommen wolle. Solch thörichter Zumuthung gegenüber war dasjenige Verhalten geboten, welches man das aufschiebende nennt, zumal man annehmen konnte, daß zu Berlin mit der Zeit ruhigere Betrachtung eintreten würde. Da nun auch die sächsische Behörde nicht allzu willig war, sich von den übelbeleumdeten Spürern aus Berlin in dieser Angelegenheit benutzen zu lassen, kam über den Rechtseinwendungen das Frühjahr heran und ich zog wieder nach Siebleben. Jetzt aber leitete man von Berlin aus bei dem Gothaer Gericht ein gerichtliches Verfahren ein, das voraussichtlich ebenfalls keinen Erfolg haben konnte, und erließ noch nebenbei einen geheimen Haftbefehl gegen mich. Dies seltsame Schriftstück wurde mir anonym von Frankfurt a. M. zugesandt. Die preußischen Behörden wurden darin aufgefordert, den Verfasser von den und den Werken, an dessen Ergreifung viel gelegen sei, bei dem Betreten von preußischem Gebiet zu verhaften und nach der Hausvogtei zu Berlin abzuliefern. Das war übermäßig abgeschmackt. Doch, da ich preußischer Staatsbürger war, bereitete mir dieser jähe Eifer die sichere Aussicht, demnächst auf Grund bestehender Auslieferungsverträge aus Siebleben abgefordert zu werden. Da auf dem gewöhnlichen Wege eine Entlassung aus dem preußischen Unterthanenverband nicht zu bewirken war und ich nicht Lust hatte, den Winter über in der Hausvogtei zu wohnen, so gab es nur ein Mittel, mich in Gotha sicher festzusetzen. Dies war ein kleines Hofamt, da die Anstellung am Hofe von selbst die Landeszugehörigkeit verleiht. Der Fall wurde dem Herzog von Gotha vorgetragen, und dieser half gütig aus der Verlegenheit, indem er mich zu seinem Vorleser ernannte. Seitdem war ich Hofrath, nicht parceque, sondern quoique. Aber das gewaltthätige Vorgehen wurde dadurch gehemmt. Den Winter brachte ich wie gewöhnlich in Leipzig zu, nachdem ich durch einen Freund aus Dresden die Nachricht erhalten, daß man in Sachsen zwar einer Abforderung von Berlin nicht entgegen treten könne, mich aber rechtzeitig benachrichtigen werde. Doch zu Berlin gab man die Verfolgung in aller Stille auf, nachdem der Haftbefehl etwa ein Jahr bestanden hatte. Daß er aufgehoben sei, wurde mir wieder durch anonyme Zuschrift mitgetheilt. Als der Roman "Soll und Haben" zu Ostern 1855 in drei hübschen Bänden gedruckt auf meinem Tische lag, packte ich das erste Exemplar für meine Mutter ein, und erhielt an demselben Tage die Nachricht von ihrem Tode. Mein Bruder hatte mir ihre letzte Krankheit aus Sorge für meine Sicherheit verschwiegen. Um den Erfolg des Romans machte ich mir geringen Kummer. Man war damals ärmer als jetzt, es wurden weniger Bücher gekauft und ich hatte das Zutrauen, daß die Arbeit meinem Verleger nicht gerade zum Schaden gereichen würde. Doch war der Erfolg besser als wir annahmen, und es konnten noch in demselben Jahre einige kleine Auflagen gedruckt werden. Wichtiger war mir die Zufriedenheit meiner nächsten Freunde, auch sie wurde dieser Arbeit reichlich zu Theil. Im Ganzen hatte ich die Stimmung: ich habe es ungefähr so gut gemacht, als ich konnte, nun mögen die Anderen sehen, wie sie damit fertig werden. Der Aufbau der Handlung wird in jedem Roman, in welchem der Stoff künstlerisch durchgearbeitet ist, mit dem Bau des Dramas große Aehnlichkeit haben. Vor allem eine poetische Idee, welche schon in der Einleitung sichtbar wird und den ganzen Verlauf der Ereignisse bestimmt. Für "Soll und Haben" ist diese Idee in dem leitenden Capitel auf Seite 9 in Worte gefaßt, der Mensch soll sich hüten, daß Gedanken und Wünsche, welche durch die Phantasie in ihm aufgeregt werden, nicht allzu große Herrschaft über sein Leben erhalten. Anton und Itzig, der Freiherr und Ehrenthal, und in geringerem Maße auch die andern Gestalten haben mit solcher Befangenheit zu kämpfen, sie unterliegen oder werden Sieger. Auch die Theile der Handlung sind in der Hauptsache dieselben wie im Drama: Einleitung, Aufsteigen, Höhepunkt, Umkehr und Katastrophe. In "Soll und Haben" sind die gelungene Schurkerei Itzigs, der Ruin des Freiherrn und Ehrenthals, und die Trennung Antons aus dem Geschäft der Höhepunkt des Romans, und die Rückkehr Antons in das Geschäft mit Allem, was daraus erfolgt, die Katastrophe. Bei der Beschaffenheit des Stoffes, welcher eine breite Ausführung der zweiten Hälfte nothwendig machte, nahm der Verfasser sich die Freiheit, die Umkehr in zwei Bücher zu scheiden, dadurch hat die Erzählung sechs Theile erhalten, nothwendig wäre nur die Fünfzahl. Es hat Jahrhunderte gedauert, bevor die Handlung der Romane zu künstlerischer Durchbildung gelangt ist, und es ist das hohe Verdienst Walter Scotts, daß er mit der Sicherheit eines Genies gelehrt hat, die Handlung in einem Höhenpunkt und in großer Schlußwirkung zusammen zu schließen. Auch meine Weise der Arbeit war bei dem Roman dieselbe wie bei den Theaterstücken, ich erdachte mir zuerst die ganze Handlung im Kopfe fertig, dabei suchte ich sogleich für alle wichtigeren Gestalten die Namen, welche nach meiner Empfindung zu ihrem Wesen stimmten - keine ganz leichte und keine unwichtige Arbeit -, endlich schrieb ich auf ein Blatt den kurzen Inhalt der sechs Bücher und ihrer sämmtlichen Abschnitte. Nach solcher Vorbereitung begann ich zu schreiben, nicht vom Anfang in der Reihenfolge, sondern wie mir einzelne Abschnitte zufällig lieb und deutlich wurden. Zumeist solche aus der ersten Hälfte. Alles was durch die Schrift befestigt war, half natürlich der schaffenden Seele die neue Erfindung für noch nicht Geschriebenes anregen. In dem was ich wollte, war ich ganz sicher, nicht ebenso schnell kam mir für einzelne Abschnitte die Wärme, die zur Ausarbeitung nöthig ist, und ich habe manchmal längere Zeit warten müssen, bevor eine Situation von der Phantasie fertig zugerichtet war, was diese freundliche Helferin, wie ich überzeugt bin, dem Dichter auch besorgt, während er gar nicht über dem Werke ist, wohl gar während er schläft. Zuweilen aber blieb sie störrig und manche kleine Uebergänge wollten nicht herauskommen, z. B. nicht im letzten Buche die Rückkehr Antons zu Sabine und das Wiedersehen. Dies ist auch dürftig geblieben. Die Niederschrift habe ich, wie bei allen späteren Prosa-Arbeiten nicht selbst besorgt, sondern dictirt. Dies war mir wegen meines kurzen Gesichts und der gebückten Haltung am Schreibtisch nach meiner Krankheit gerathen worden und ich hatte mich bei den Tagesarbeiten für die Grenzboten daran gewöhnt. Ich erhielt dadurch den Vortheil, daß ich Wortlaut und Satzfügung, während ich schuf, zugleich hörte, und dies kam dem Klang und Ausdruck oft zu Gute. Ein Uebelstand aber war, daß die arbeitende Seele durch die Gegenwart des Schreibers zu einem ununterbrochenen und gleichförmigen Ausspinnen des Fadens veranlaßt wurde und in Gefahr kam, sich an Stellen, wo sie träge zauberte oder wo die innere Arbeit noch nicht fertig war, durch ungenügenden Ausdruck über die Schwierigkeit wegzuhelfen. Deshalb vermochte diese Art der Niederschrift meine eigene Anspannung nicht zu mindern, denn was der Schreiber auf das Papier gebracht, arbeitete und besserte ich noch einmal gründlich durch. Es lohnt kaum, die Frage zu stellen, wie der erfindende Schriftsteller die Stoffbilder seiner Dichtungen gesammelt hat. Wo wächst das Farnkraut, wo liegt der Stein und auf welcher Hausschwelle, sitzt das Kind, deren Formen der Maler in das Skizzenbuch aufnimmt, um sie für sein Bild zu verwenden? Ist die Erfindung des Schriftstellers in der That Poesie und nicht schlechte Nachschrift der Wirklichkeit, so wird auch, was er etwa nach Vorlagen des wirklichen Lebens in ein Werk aufgenommen hat, so umgebildet sein, daß es etwas ganz Anderes, in der That ein Neues geworden ist. Das ist selbstverständlich. Deshalb bereiten die Ausnahmefälle, wo der Dichter sich mit größerer Treue der Wirklichkeit anschließen muß, z. B. wo er eine wohlbekannte historische Person in seine Dichtung setzt, ihm und seinem Werk besondere Schwierigkeiten. Denn leicht empfindet der Leser vor solchen Abbildern eine Besonderheit in Farbe, Ton und Schilderung, welche erkältet und die Wirkung des gesammten Kunstwerks nicht mehrt, sondern mindert. Wenn es den Personen in "Soll und Haben" gelungen ist, als wahrhafte und wirksame Darstellungen von Menschennatur zu erscheinen, so kommt das gerade daher, weil sie sämmtlich frei und behaglich erfunden sind, und weder der Kaufmann noch Fink, noch selbst Ehrenthal und Veitel haben jemals ein anderes Leben gehabt, als das in der Dichtung, sie sind nur unter dem Zwange der erfundenen Handlung geschaffen und scheinen gerade deshalb hundert wirklichen Menschen zu gleichen, welche unter ähnlichen Verhältnissen leben und handeln müßten. Will man sich aber die Mühe geben, die geschilderten Menschen gegen einander zu stellen, so kann man finden, daß sie unter einem eigenthümlichen Zwange gebildet sind, dem des Gegensatzes: Anton und Fink, der Kaufmann und Rothsattel, Lenore und Sabine, Pix und Specht haben einander veranlaßt. Denn wie in dem menschlichen Auge jede Farbe ihre besondere Ergänzungsfarbe hervorlockt, so treibt auch in dem erfindenden Gemüth ein lieb gewordener Charakter seinen contrastirenden hervor. Auch Charaktere, welche dieselbe Grundfarbe erhalten, wie Ehrenthal und Itzig, werden durch die Zumischung der beiden Gegenfarben von einander abgehoben. Dieses Schaffen in Gegensätzen geschieht nicht als Folge verständiger Erwägung, sondern mit einer gewissen Naturnothwendigkeit ganz von selbst, es beruht. auf dem Bestreben der schöpferischen Kraft, in der nach den Bedürfnissen des menschlichen Gemüthes zugerichteten Begebenheit ein Abbild der gesammten Menschenwelt im Kleinen zu geben. Für die Handlung des Romans fehlte es mir nicht an Erfahrungen, die ich hier und da gemacht hatte. Den Geschäftsverkehr in der Handlung kannte ich aus meiner Breslauer Zeit, das alte Patricierhaus der Molinari bot der Phantasie gute Anregungen, ich selbst bin mit meinem Freunde Theodor beim Ausbruch der polnischen Revolution in die Nähe von Krakau gereist. Und vollends die Wuchergeschäfte jüdischer Händler habe ich gründlich kennen gelernt, da ich als Bevollmächtigter eines lieben Verwandten jahrelang vor Gericht gegen einige von ihnen zu streiten hatte. Auch die Bilder aus dem polnischen Aufstande haben zum Theil Grundlagen. Ein Kampf, wie der in der Stadt Rosmin, und das Herauswerfen der polnischen Insurgenten hat im Jahre 1848 zu Strzelno wirklich stattgefunden. Die muthigen Männer, welche dort die deutschen Kräfte sammelten und wochenlang den Polen widerstanden, waren der Oberamtmann Kühne, ein Schüler Koppe's, und seine Inspectoren Lachmann und v. Kleist. Und die weichenden Polen haben dort wirklich die blauen Kartoffelwagen und die Feuertonne für Artillerie gehalten. Dem Verfasser waren alle solche Eindrücke und Beobachtungen vom höchsten Werth, weil sie ihm Kenntniß der zu schildernden Verhältnisse zutheilten, oder weil sie ihm Phantasie und gute Laune anregten, und ohne sie hätte er seine Geschichte gar nicht schreiben können. Aber für den Leser sind auch sie ganz unwesentlich und zufällig geworden. Der Roman erschien mit einer Widmung an Herzog Ernst II von Coburg-Gotha. Gern möchte ich, daß diese Zuschrift zugleich mit dem Roman erhalten bleibe, sie erscheint mir wie eine gedruckte Urkunde über mein gutes Verhältniß zu zwei ungewöhnlichen Menschen, welches von jenen Jahren ab durch mein ganzes späteres Leben bestanden hat. Auch die Verbindung mit dem Herzoge hat für mich eine kleine Geschichte. Als die Zuneigung noch jung war, verkehrte ich gern am Hofe und freute mich über die vielen merkwürdigen und bedeutenden Persönlichkeiten, welche dort aus- und einzogen. Durch Herzog und Herzogin lernte ich ihre hohen Verwandten kennen: die Höfe von Baden und Darmstadt, die englischen Herrschaften, den Kronprinzen und die Kronprinzessin. Die fröhlichsten Stunden aber habe ich mit ihnen allein verlebt, beide haben die Eigenschaft, welche an Fürsten besonders anmuthig ist, daß sie jede Menschennatur unbefangen und mit freudiger Anerkennung gewähren lassen und im Austausch und sich selbst reichlich mitzutheilen wissen. Während sonst vornehme Herren gewöhnt sind, unter gefälligen Formen und bei vertraulichem Verkehr, Andere für ihre Zwecke zu gebrauchen, hat mein Herzog mit einem Zartgefühl, das ich oft dankbar erkannt habe, nie den Wunsch geäußert, meine Feder in Anspruch zu nehmen, und nie ein Ansinnen gestellt, dem ich mich hätte versagen müssen. Seinem Vertrauen, so weit es mir zu Theil werden konnte, glaube ich durch offene Ehrlichkeit entsprochen zu haben. Nicht immer vermochte ich den Flug dieses rastlosen Geistes zu begleiten, aber ich war sicher, daß ich in den Tagen großer Entscheidung seinen Entschlüssen mit innigem Einverständniß folgen durfte. Als im Jahre 1866 die deutschen Fürsten vor der Wahl standen, welchem der beiden Großmächte sie ihr und ihres Landes Schicksal anvertrauen wollten, hatte ich Gelegenheit, meinem Landesherrn in die Seele zu sehen. Während mancher Andere zauderte und des Erfolges harrte, stellte er sich zu Preußen, schnell, feurig, in der gehobenen Stimmung eines Mannes, der weiß, daß die Stunde großer Pflichterfüllung für ihn gekommen ist. Und doch drohte gerade ihm und seinem Lande damals der Einbruch der Hannoveraner. Ich denke die Deutschen sollen ihm das nicht vergessen. In späteren Jahren, wo ich durch Krankheit in meiner Familie veranlaßt wurde, mich still auf meine Häuslichkeit zurückzuziehen, bewährte sich noch besser die treue Gesinnung der vornehmen Freunde, und ein mildes Wort meiner Fürstin: "Ich bin als Freundin brauchbarer für Unglückliche als für Glückliche", ist an meinem Leben reichlich wahr geworden. Schweres, was ich im Geheimen durchzukämpfen hatte, durfte ich dort vertrauend in die Seelen legen, und die wahrhafte Theilnahme, welche ich in jeder Lage fand, wurde mir oft ein Trost. Bis zur Gegenwart hat dies feste Einvernehmen bestanden. Es vergeht zuweilen längere Zeit, bevor mir zu Theil wird, Beide wieder zu sehen, sooft ich aber auf der Terrasse des Kallenbergs stehe und über den Gartenschmuck des Herrensitzes in die lachende Landschaft hinabsehe, öffnen sich die Herzen im alten Vertrauen und ich fühle, daß diese alte gute Verbindung nicht nur ein Schmuck, auch Bereicherung meines Erdenlebens geworden ist. Wenn ich nach dem Druck von "Soll und Haben" in die Winterwohnung zu Leipzig kam, fand ich einen Kreis vertrauter Männer, zunächst solcher, welche mit den drei gelehrten Freunden verkehrt hatten. Einer von ihnen, mein Verleger Hirzel, dessen Geschäft ich seit dem Druck der Journalisten verbunden war, empfing mich heiter mit dem Bericht, wie artig die deutschen Leser sich gegen den Roman verhielten. Salomon Hirzel stammte aus einem alten Patriciergeschlecht Zürichs, welches seit der Jugend Klopstocks seinen Namen auch in unsere Literatur eingezeichnet hat, er war ein kluger, vornehmer Geschäftsmann von reicher Bildung; überlegenes Urtheil und seine sarkastische Laune machten ihn jedem, der sich eine Blöße gegeben hatte, gefährlich. Meine Verbindung mit ihm wurde eine so innige, wie sie nur irgend zwischen Schriftsteller und Verleger bestehen kann. Daß wir nebeneinander wohnten, kam dem Tagesverkehr zu Gute. Er war der aufmerksamste, zartsinnigste Freund, der meisterhaft verstand, durch kleine Ueberraschungen und literarische Gaben wohl zu thun, seine schöne Büchersammlung wurde eine Fundgrube für meine Arbeiten. Bald gab auch ich mich dem Bücherkauf hin und wurde ein geschätzter Kunde der Antiquare. Das Behagen an irdischer Existenz bethätigt sich in dem Ansammeln von allerlei Dingen, welche lieb und begehrenswerth erscheinen; der Zufall, die Mode leiten die Phantasie, ist erst ein kleiner Besitz gewonnen, so wird der Wunsch ihn zu vergrößern stärker, zuletzt wohl gar eine Leidenschaft, die der Mensch sorglich behüten mag, damit ihm nicht Pflichten verletzt, das Gleichgewicht des Lebens gestört werde. Der Trieb regt sich früh im Kinde, er dauert bis ins höchste Lebensalter, er wechselt nach Zeit, Mode, Bildung, und wer eine Geschichte des Sammelns schreiben wollte, von den Schatzhäusern germanischer Könige herab über die Handschriften des Mittelalters, die Münzen, Bilder und Statuen der Renaissance, die Kunstkammern, geschnittenen Kirschkerne und das Porcellan des siebzehnten Jahrhunderts, die Tulpenzwiebeln und Conchylien der Holländer, bis zu den zahllosen Gegenständen des modernen Sammeleifers - der könnte manches Traurige und vieles Heitere aus dem Gemüthsleben der Menschheit zur Anschauung bringen. Auch von den Leipziger Freunden wurde eifrig und mit Einsicht gesammelt, wohl die Mehrzahl hegte eine stille Liebhaberei, nicht Weniges davon ist der Literatur und Kunstgeschichte zu Gute gekommen. Zwar Mommsen hatte für seine Wissenschaft das Zusammentragen einer so unermeßlichen Menge alter Inschriften übernommen, daß ihm zu häuslichen Liebhabereien weder Zeit noch Raum blieb, und Haupt sah ohne jede Achtung auf den Sammeleifer der Andern, er behauptete, daß solch begehrliches Einheimsen keine gute Wirkung auf den Charakter ausübe. Die Uebrigen ließen sich dadurch nicht stören. Otto Jahn sammelte Bücher, Briefe, Musikalien für die Lebensgeschichten von Mozart und Beethoven, Dr. Härtel, Chef der großen Handlung Breitkopf und Härtel, eine feinbesaitete Künstlernatur, der in seinem schön gebauten Hause viele Wandervögel der bildenden Kunst und Musik aufnahm, sammelte Stiche nach Raphael, der Buchhändler Georg Wigand Holzschnitte Ludwig Richter's, von der befreundeten Familie der Cichorius wenigstens der eine, Eduard, ebenfalls Kupferstiche und Holzschnitte. Vor allen Andern war Hirzel auch als Sammler großartig, in seiner Bibliothek stand eine Menge der seltensten Drucke aus früheren Jahrhunderten versammelt. Seine größte Freude aber war das Zusammentragen aller literarischen Erzeugnisse, welche irgendwie mit Goethe zusammenhingen: Ausgaben seiner Werke, Handschriften, Briefe und Bildnisse. Es war ihm gelungen, in seiner Goethe-Bibliothek wohl den größten Schatz zu vereinen, welchen ein Verehrer Goethes gewonnen hat, und seine Sammlung hat auch in unserer Literaturgeschichte die verdiente Würdigung gefunden. Ihm konnte man kein größeres Vergnügen bereiten, als wenn man ihm einen Brief des großen Dichters spendete, und seine Augen strahlten vor Freude, wenn er ein neu erworbenes Stück, das noch ungedruckt war und einigen Inhalt hatte, den Vertrauten vorzeigen konnte. Ich fürchte, daß er meine Theilnahme daran bisweilen für lau hielt. Einer der entschlossensten Sammler war Haupt's alter Freund, der Jurist Böcking aus Bonn, er trug bald für Hutten, bald für andere Lieblinge zusammen, kam wohl jedes Jahr einmal zu uns und den Leipziger Antiquaren, und hatte immer etwas Seltenes in der Tasche oder in Aussicht, er war ungewöhnlich gewandt im Entdecken verborgener Schätze und sorgte zuweilen auch für die Liebhabereien seiner Freunde. In diesem großen Gelehrten war eine seltsame Mischung von rücksichtsloser Derbheit und sentimentaler Weichheit, er wechselte leicht mit Gunst und Abneigung, strich sich die Menschen gern weiß oder schwarz an und wollte nicht leiden, daß die, welche für ihn gerade weiß waren, mit den Schwarzen irgendwie Gemeinschaft pflogen. So oft einer von uns nach Bonn kam, übte er seine Tyrannei. Mit Hirzel stand er in alter Bundesgenossenschaft, dieser aber war mit dem anspruchsvollen und launischen Wesen des Freundes in der Stille gar nicht einverstanden, und Böcking, der große Zuneigung zu ihm hatte, merkte das wohl auch. Als er nun einmal nach Leipzig gekommen war, zog er bei Hirzel eine dicke Rolle aus der Tasche und knotete sie bedächtig auf, es war eine Sammlung kostbarer ungedruckter Briefe von Goethe, die er im Elsaß aus dem Brion'schen Nachlaß erworben hatte. Hirzel blickte starr auf den Schatz und Böcking weidete sich an der aufsteigenden Sehnsucht, die er wohl erkannte. Als er dem Freunde eine Ahnung von dem unschätzbaren Werthe dieses Besitzes gegeben hatte, packte er die Briefe wieder zusammen, steckte sie ein und sagte nachdrücklich: "Diese Sammlung ist für Sie bestimmt, Sie haben mich aber in der letzten Zeit schlecht behandelt, und ich muß die Zutheilung von Ihrem Verhalten gegen mich abhängig machen. Bin ich einmal mit Ihnen zufrieden, so bekommen Sie einen Brief." Nun waren der Briefe sehr viele, und Böckings Zufriedenheit mit einem Mitmenschen unberechenbar. Vergebens bäumte Hirzel gegen diese grausame Verheißung auf, Böcking hielt die Seele des Sammlers schadenfroh an den Flügeln fest. Von da an sandte er dem Freunde zuweilen am Geburtstag und zur Weihnacht einen einzelnen Brief aus dem Bündel, den Hirzel jedesmal mit gemischten Gefühlen aufnahm. Als aber einige Jahre darauf Hirzel nach Bonn kam und gegen die Forderung Böckings, bei ihm zu wohnen, mannhaft im Gasthofe einkehrte, erschien Böcking mit einer Droschke vor dem Gasthof, ließ Hirzels Gepäck, trotz aller Einwendungen, gebieterisch durch den Hausknecht aufladen und entführte den Gast in seine Wohnung. Dort lud er ihm einige Bekannte zum Essen, als Hirzel seine Serviette auseinanderschlug, fand er das Bündel Briefe als Angebinde darunter. In dieser Gemeinschaft mit sammelfrohen Männern begann auch ich, alter Neigung folgend, in der Stille zusammen zu tragen. Zunächst für meine geschichtlichen Liebhabereien. Immer hatte mich das Leben des Volkes, welches unter seiner politischen Geschichte in dunkler unablässiger Strömung dahinfluthet, besonders angezogen, die Zustände, Leiden und Freuden der Millionen kleiner Leute. Dafür hatte ich schon in Breslau allerlei aus den Chronisten des Mittelalters eingesammelt. Für die ersten Jahrhunderte seit Erfindung des Bücherdrucks entdeckte ich viel in den Flugschriften, welche dem Bedürfnisse des Volkes zu dienen bemüht waren. Aber das Auffinden kleiner Drucke in den großen Bibliotheken war umständlich; was dort vorhanden war, stand häufig in Mischbänden unbequem gebunden, nicht ohne Mühe zu ermitteln. Deshalb legte ich eine Sammlung alter Flugschriften an, die Literatur der fliegenden Blätter und dünnen Quartbüchlein, alles was einst in Reimen und Prosa der Erheiterung und Belehrung und den Gedichten der Humanisten und den Reformationsschriften über den dreißigjährigen Krieg bis zum Beginn der neuen Literatur. Ich verdanke diesen Büchlein allerlei Kenntniß von Zuständen im Volk, Sitte und Brauch, die man in größeren Werken der vornehmen Literatur vergebens sucht. Nun hatte ich für die Grenzboten eine Anzahl Bilder geschrieben, in denen Aufzeichnungen vergangener Menschen benutzt wurden, um von dem Gemüthsleben und den Verhältnissen alter Zeit zu erzählen. Jetzt, wo ich von einer größeren Arbeit ausruhte, kam mir der Gedanke, diese Schilderungen zu erweitern und in geschichtlicher Reihenfolge zusammen zu stellen. Wenn man bei den Schicksalen der Einzelnen das für ihre Zeit Gemeingültige heraushob, so konnte eine Folge solcher Schilderungen auch von geschichtlichen Wandlungen in Sitte, Brauch, Lebensverhältnissen der Nation eine Vorstellung geben. Ich griff zuerst in die Jahrhunderte der Reformation und des dreißigjährigen Krieges hinein. Hier war Gelegenheit geboten, die große Gestalt Luthers im Zusammenhange mit seiner Zeit zu behandeln; auch aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges waren die Verwüstung, die Leiden des Volkes und das gesammte Heerwesen, trotz einer massenhaften Literatur, noch wenig bekannt. Das Buch wurde unter dem Titel "Bilder aus der deutschen Vergangenheit" 1859 gedruckt und meinem Verleger Hirzel zugeschrieben. Es war keine schwere und es war eine behagliche Arbeit, der ich mich unterzogen hatte, sie sollte auch für den Leser so leicht und anmuthend werden, daß sie ein Hausbuch gebildeter Familien abgeben konnte. Doch leichtsinnig wurde sie nicht gemacht, es sind dafür zu Anderem einige Tausend kleiner Flugschriften durchgesehen worden. Alle culturgeschichtlichen Werke, welche die ungeheuere Masse des Stoffes in systematischer Eintheilung zu bewältigen versuchen, entgehen schwer dem Uebelstand langweilig zu werden, und gleichen in ihrer Schilderung alter Sitten, Gebräuche, Lebensgewohnheiten zuweilen großen Trödelläden mit alten Kleidern, zu denen die Menschen fehlen, die einst damit bekleidet waren. In den Bildern ist die entgegengesetzte Methode gewählt. Es sind, wo es immer möglich war, einzelne Menschen aus alter Zeit herauf geholt, welche sich selbst dem Leser werth zu machen suchen, und der Verfasser beschränkt sich darauf, bescheiden von der Seite auf ihre Tracht, ihr Gebahren und Wesen hin zu weisen. Vielleicht lernt der Leser auf diesem Wege am meisten von dem Charakter der alten Zeit kennen, obgleich nicht selten dem Zufall überlassen bleibt, was gerade aus der Fülle des Stoffes hervorgehoben wird. Die freundliche Aufnahme, welche das Buch fand, bestärkte mich in der Ansicht, daß es einem Bedürfniß entgegenkomme, und ich schrieb deshalb in den folgenden Jahren eine Fortsetzung unter dem Titel "Neue Bilder aus der deutschen Vergangenheit", welche 1862 gedruckt wurde. Darin behandelte ich in ähnlicher Weise die Neuzeit bis in unser Jahrhundert. Für diesen Band wurde Friedrich der Große und sein Staat der Mittelpunkt, Ausführungen und eigene Zuthat durften hier reichlicher sein. |