VI. Abteilung: Die philologischen Wissenschaften
2. Poetik (2)
Schlegels übersehn, indem sie von der Absichtlichkeit und Künstlichkeit
der Shakespearischen Welt reden - daß die Kunst zur Natur gehört
und gleichsam die sich selbst beschauende, sich selbst nachahmende, sich selbst
bildende Natur ist. Die Kunst einer gut entwickelten Natur ist freilich von
der Künstelei des Verstandes, des bloß räsonierenden Geistes
himmelweit verschieden. Shakespeare war kein Kalkulator - kein Gelehrter -
er war eine mächtige, buntkräftige Seele, deren Erfindungen und
Werke wie Erzeugnisse der Natur das Gepräge des denkenden Geistes tragen
- und in denen auch der letzte scharfsinnige Beobachter noch neue Übereinstimmungen
mit dem unendlichen Gliederbau des Weltalls - Begegnungen mit späteren
Ideen, Verwandtschaften mit den höhern Kräften und Sinnen der Menschheit
finden wird. Sie sind sinnbildlich und vieldeutig, einfach und unerschöpflich,
wie jene, und es dürfte nichts Sinnloseres von ihnen gesagt werden können,
als daß sie Kunstwerke in jener eingeschränkten, mechanischen Bedeutung
des Worts seien.
[1426]
Theatralische Belustigungen aller Art - ein Hauptressort gesellschaftlicher
Vergnügungen.
Einführung der Masken.
Das Marionettentheater ist das eigentlich komische Theater.
Notwendige Grobheit des Lustigen.
[1427]
Tiecks Ansicht Shakespeares.
Seine Gartenwochen.
Seine historischen Schauspiele.
Seine drei Schauspiele.
[1428]
Dialog. Theater.
Das Theater ist die tätige Reflexion der Menschen über sich selbst.
Über den Wahnsinn - das Glück - den Zufall - Weltcharte.
[1429]
Übersicht aller Shakespeareschen Menschen und Szenen
Allgemeine Pläne.
Poetische Kollektaneen.
[1430]
Es ist möglich, in einem Shakespeareschen Stück eine willkürliche
Idee, Allegorie usw. zu finden - nur poetisch muß sie sein - das ist
philologische Poesie.
Aufgabe - in einem Buche das Universum zu finden. Arbeiten über die Bibel.
[1431]
Gleich ab von Fröhlichkeit und Trauer, vom Lustigen und Rührenden
ist sowohl der verständige Mensch als der wahre Dichter. (Heiterer, verständiger
Ernst.)
Lieder, Epigramme usw. sind für die Poesie, was Arien Angloisen usw.
für die Musik sind.
Sonaten und Symphonien usw. - das ist wahre Musik.
So muß auch die Poesie schlechthin bloß verständig, künstlich,
erdichtet, phantastisch usw. sein. Shakespeare ist mir dunkler als Griechenland.
Den Spaß des Aristophanes versteh' ich, aber den Shakespeares noch lange
nicht. Shakespeare versteh' ich überhaupt noch sehr unvollkommen.
Wenn der Spaß poetisch sein soll, muß er durchaus unnatürlich
und Maske sein.
Auch auf dem Theater tyrannisiert der Grundsatz der Nachahmung der Natur.
Danach wird der Wert des Schauspiels gemessen. Die Alten verstanden das auch
besser. Bei ihnen war alles poetischer.
Unser Theater ist durchaus unpoetisch - nur Operette und Oper nähern
sich der Poesie, und doch nicht in den Schauspielern, ihrer Aktion usw.
[1432]
In Shakespeare wechselt durchaus Poesie mit Antipoesie - Harmonie mit Disharmonie
ab - das Gemeine, Niedrige, Häßliche mit dem Romantischen Höhern,
Schönen - das Wirkliche mit dem Erdichteten (Dies ist gerade mit dem
griechischen Trauerspiel der entgegengesetzte Fall.)
Pedantism und Unnatur der Poesie.
Shakespeares Verse und Gedichte gleichen ganz der Boccazischen und Cervantischen
Prosa - Ebenso gründlich, elegant, nett, pedantisch und vollständig.
Im Hans Sachse liegt der Entwurf einer eigenen Art von allegorischer, sittlicher,
echt deutscher. Mythologie.
Rechter Gebrauch der Allegorie.
Übergang von Hans Sachsischen Schauspielen zum Epos - dann auch Übergang
vom Epos und jenen Schauspielen zum Griechischen - Shakespearischen, Französischen,
zur Oper usw.
(Phantasie gleich Erfindungskraft.)
Musikalische - plastische - Empfindungs- und Verstandespoesie (Phantasie).
An sich selbst ist alle Philosophie und Weisheit Idealism - Gedankenreich.
Die wahre Philosophie ist durchaus realistischer Idealism - oder Spinozism.
Sie beruht auf höherm. Glauben. Glauben ist vom Idealism unabtrennlich.
Die lutherische Lehre von der moralischen Nullität des freien Willens
und dem servo Arbitrio ist völlig einerlei mit der neuern entgegenlautenden
Lehre von der moralischen Notwendigkeit des freien Willens.
Es ist Trägheit, was uns an peinliche Zustände kettet.
Analoger Gebrauch der Flaxmannischen Zeichnungen für den Dichter.
Notwendige Pedanterei der Poesie. Steife Perioden usw. Steinerne Umrisse.
[1433]
In Shakespeares historischen Stücken ist durchgehends Kampf der Poesie
mit der Unpoesie. Das Gemeine erscheint witzig und ausgelassen - wenn das
Große steif und traurig usw. erscheint. Das niedrige Leben wird durchgehends
dem höhern entgegengestellt - oft tragisch, oft parodisch, oft des Kontrasts
wegen. Geschichte, was dem Dichter Geschichte heißt, wird in diesen
Stücken dargestellt. Geschichte in Gespräch aufgelöst. Just
das Gegenteil der wahren Geschichte und doch Geschichte, wie sie sein soll
- weissagend und synchronistisch. Alles Dramatische gleicht einer Romanze.
Klar - einfach - seltsam - ein echt poetisches Spiel, ohne eigentliche Zwecke.
Große Romanzen in Gesprächen. Große und kleine Gegenstände
poetisch vereinigt.
Die Kunst, auf eine angenehme Art zu befremden, einen Gegenstand
fremd zu machen und doch bekannt und anziehend, das ist die romantische Poetik.
Es gibt einen speziellen Sinn für Poesie - eine poetische Stimmung in
uns. Die Poesie ist durchaus personell und darum unbeschreiblich und indefinissabel.
Wer es nicht unmittelbar weiß und fühlt, was Poesie ist, dem läßt
sich kein Begriff davon beibringen. Poesie ist Poesie. Von Rede-(Sprach) Kunst
himmelweit verschieden.
[1434]
Sonderbar genug, daß man in Gedichten nichts mehr als den Schein von
Gedichten zu vermeiden gesucht hat und nichts mehr darin tadelt als die Spuren
der Fiktion der erfundnen Welt.
Z. B. im "König Johann" die Gespräche der Könige
unter sich mit den Bürgern auf den Wahlplätzen und an den Mauern
usw.
Das, was wir bei diesem Streben und Gefühl unwillkürlich beabsichtigen,
ist allerdings etwas sehr Hohes; aber das zu frühe Greifen danach ist
um deswillen äußerst ungeschickt und unzweckmäßig, weil
man nur durch dreiste und richtige Zeichnung selbsterfundner Gegenstände
und Geschichten fähig wird - freies Gemüt in eine scheinbare Weltkopie
zu legen.
[1435]
Die historischen Stücke gehören zu der angewandten Historie. Sie
können teils allegorisch, teils Poesie der Geschichte sein. In wenige
einfache Gespräche wird die Zeit gedrängt, die lokal, personell
und temporell sind. [1436]
Die Kunst ist das Komplement der Natur.
[1437]
Die Kunst ist die komplementarische Natur.
[1438]
Die Natur hat Kunstinstinkt - daher ist es Geschwätz, wenn man Natur
und Kunst unterscheiden will. Beim Dichter sind sie höchstens dadurch
verschieden, daß sie durchaus verständig und nicht leidenschaftlich
sind, welches sie von denjenigen Menschen unterscheidet - die aus Affekt unwillkürlich
musikalische, poetische oder überhaupt interessante Erscheinungen
werden.
[1439]
Romantik. Absolutisierung - Universalisierung - Klassifikation des
individuellen Moments, der individuellen Situation usw. ist das eigentliche
Wesen des Romantisierens. Vide Meister. Märchen.
[1440]
Romantik. Sollte nicht der Roman alle Gattungen des Stils in einer
durch den gemeinsamen Geist vrschiedentlich gebundnen Folge begreifen?
[1441]
Poetik. Die Poesie im strengern Sinn scheint fast die Mittelkunst
zwischen den bildenden und tönenden Künsten zu sein. Poesie. Deskriptivpoesie.
Sollte der Takt der Figur - und der Ton der Farbe entsprechen? Rhythmische
und melodische Musik - Skulptur und Malerei.
Elemente der Poesie.
[1442]
Märchen, wie Tiecks Lieder - romantische Phantasien aus dem täglichen
Leben. Jean Pauls Naturszenen. Die Natur wirkt auf seinen Gleichnissinn.
[(1443)]
Poetik. Die Poesie ist die Jugend unter den Wissenschaften.-
Als Kind mag sie ausgesehn haben wie der Engel unter der Madonna, der den
Finger so bedeutend auf den Mund drückt, als traut er diesem Leichtsinn
nicht.
[1444]
Ein Roman muß durch und durch Poesie sein. Die Poesie ist nämlich,
wie die Philosophie, eine harmonische Stimmung unsers Gemüts, wo sich
alles verschönert, wo jedes Ding seine gehörige Ansicht - alles
seine passende Begleitung und Umgebung findet. Es scheint in
einem echt poetischen Buche alles so natürlich - und doch so wunderbar
- Man glaubt, es könne nichts anders sein und als habe man nur bisher
in der Welt geschlummert - und gehe einem nun erst der rechte Sinn für
die Welt auf. Alle Erinnerung und Ahndung scheint aus eben dieser Quelle zu
sein -. So auch diejenige Gegenwart, wo man in Illusion befangen ist - einzelne
Stunden, wo man gleichsam in allen Gegenständen, die man betrachtet,
steckt und die unendlichen, unbegreiflichen, gleichzeitigen Empfindungen eines
zusammenstimmend Pluralis fühlt.
[1445]
Höherer Mystizism der Kunst - Als Veranstaltung des Schicksals, als Naturereignis.
[1446]
Die Schreibart des Romans muß kein Kontinuum - es muß ein in jedem
Perioden gegliederter Bau sein. Jedes kleine Stück muß etwas Abgeschnittnes
- Begrenztes - ein eignes Ganze sein.
[1447]
Die empfindsamen Romane gehören ins medizinische Fach, zu den Krankheitsgeschichten.
[144]
Es ist seltsam, daß in einer guten Erzählung allemal etwas Heimliches
ist - etwas Unbegreifliche Die Geschichte scheint noch uneröffnete Augen
in uns zu berühren - und wir stehn in einer ganz andern Welt, wenn wir
aus ihrem Gebiete zurück kommen.
[1449]
Bilder - allegorische aus der Natur. Mein neuliches vom Springbrunnen - Regenbogen
um die Quelle. Aufsteigende Wolken als Quellengebete.
[1450]
Der Romandichter sucht mit Begebenheiten und Dialogen, mit Reflexionen und
Schilderungen Poesie hervorzubringen, wie der lyrische Dichter durch Empfindungen,
Gedanken und Bilder.
Es kommt also alles auf die Weise an, auf die künstlerische Wählungs-
und Verbindungskunst.
[1451]
Über das Poetische der Armut - und Unordnung.
[1452]
In einem Roman (der übrigens Ähnlichkeit mit einem englischen Garten
hat), muß nur jedes Wort poetisch sein. Keine platte Natur
usw.
[1453]
Durchaus verkehrte, bisherige Theorie der Schilderung der Leidenschaften.
[1454]
Qualitative Perspektive.
[1455]
Je persönlicher, lokaler, temporeller, eigentümlicher ein Gedicht
ist, desto näher steht es dem Zentro der Poesie. Ein Gedicht muß
ganz unerschöpflich sein wie ein Mensch und ein guter Spruch
Was war der Parallelism der orientalischen Poesie?
Was oben vom Gedicht gesagt ist, gilt auch vom Roman.
[1456]
Der Roman ist völlig als Romanze zu betrachten.
Die Poetik ließe sich freilich als eine Kombination untergeordneter
Künste betrachten, z. B. der Metrik, der Sprachkenntnis, der Kunst, uneigentlich
zu reden, witzig und scharfsinnig zu sein; werden diese Künste gut verbunden
und mit Geschmack angewandt, so wird man das Produkt Gedicht nennen müssen.
Wir sind freilich gewöhnt, nur dem Ausdruck des Höchsten, der eigentlichen
eigentümlichen Erfindung unter vorgedachten Bedingungen den Namen
eines Gedichts zu geben.
Freilich wird auf jeder höhern Stufe der Bildung die Poetik ein bedeutenderes
Werkzeug und Gedicht ein höheres Produkt.
Manches wird erst dem dichterisch Gestimmten - Gedicht, was es sonst oder
dem Verfasser nicht ist. Echte, poetische Charaktere sind schwierig genug
zu erfinden und auszuführen. Es sind gleichsam verschiedne Stimmen und
Instrumente. Sie müssen allgemein, und doch eigentümlich, bestimmt
und doch frei, klar und doch geheimnisvoll sein. In der wirklichen Welt gibt
es äußerst selten Charaktere. Sie sind so selten wie gute Schauspieler.
Die meisten Menschen sind noch nicht einmal Charaktere. Viele haben gar nicht
die Anlage dazu. Man muß wohl die Gewohnheitsmenschen, die Alltäglichen,
von den Charakteren unterscheiden. Der Charakter ist durchaus selbsttätig.
[1457]
Goethes Märchen eine erzählte Oper
[1458]
Romantik. Alle Romane, wo wahre Liebe vorkommt, sind Märchen
- magische Begebenheiten.
[1459]
Roman usw. Märchen. Nessir und Zulima. Romantisierung der Aline.
Novellen. Tausendundeine Nacht. Dschinnistan. La Belle et la
Bête. Musaeus Volksmärchen. Romantischer Geist der neuern Romane.
Meister. Werther. Griechische Volksmärchen. Indische Märchen. Neue,
originelle Märchen. In einem echten Märchen muß alles wunderbar
- geheimnisvoll und unzusammenhängend sein - alles belebt. Jedes auf
eine andre Art. Die ganze Natur muß auf eine wunderliche Art mit der
ganzen Geisterwelt vermischt sein - die Zeit der allgemeinen Anarchie - der
Gesetzlosigkeit - Freiheit - der Naturstand der Natur
- die Zeit vor der Welt (Staat). Diese Zeit vor der Welt liefert
gleichsam die zerstreuten Züge der Zeit nach der
Welt - wie der Naturstand ein sonderbares Bild des ewigen Reichs
ist. Die Welt es Märchens ist die durchaus entgegengesetzte Welt
der Welt der Wahrheit (Geschichte) - und eben darum ihr so durchaus ähnlich,
wie das Chaos der vollendeten Schöpfung. (Über die Idylle.)
In der künftigen Welt ist alles wie in der ehmaligen Welt
- und doch alles ganz anders. Die künftige Welt ist das vernünftige
Chaos - das Chaos, das sich selbst durchdrang - in sich und außer sich
ist - Chaos in der zweiten Potenz oder ¥ (eine liegende Acht = Unendlichkeit
JM.].
Das echte Märchen muß zugleich prophetische Darstellung
- idealische Darstellung - absolut notwendige Darstellung sein. Der echte
Märchendichter ist ein Seher der Zukunft
Bekenntnisse eines wahrhaften, synthetischen Kindes - eines idealischen
Kindes. (Ein Kind ist weit klüger und weiser als ein Erwachsener - das
Kind muß durchaus ironisches Kind sein.) - Die Spiele des Kindes
- Nachahmung der Erwachsenen. (Mit der Zeit muß die Geschichte
Märchen werden - sie wird wieder, wie sie anfing)
[1460]
Nichts ist mehr gegen den Geist des Märchens - als ein moralisches Fatum
- ein gesetzlicher Zusammenhang. - Im Märchen ist echte Naturanarchie.
Abstrakte Welt - Traumwelt - Folgerungen von der Abstraktion usw. auf
den Zustand nach dem Tode.
[1461]
Im Märchen glaub ich am besten meine Gemütsstimmung ausdrücken
zu können.
(Poetik. Alles ist ein Märchen.)
[(1462)]
Bedeutender Zug in vielen Märchen, daß, wenn ein Unmögliches
möglich wird - zugleich ein andres Unmögliches unerwartet möglich
wird - daß wenn der Mensch sich selbst überwindet, er auch die
Natur zugleich überwindet - und ein Wunder vorgeht, das ihm das entgegengesetzte
Angenehme gewährt, in dem Augenblicke, als ihm das entgegengesetzte Unangenehme
angenehm ward. Die Zauberbedingungen; z. B. die Verwandlung des Bären
in einen Prinzen, in dem Augenblick als der Bär geliebt wurde usw. Auch
bei den Märchen der beiden Genien. Vielleicht geschähe eine ähnliche
Verwandlung, wenn der Mensch das Übel in der Welt lieb gewönne -
in dem Augenblicke, als ein Mensch die Krankheit oder den Schmerz zu lieben
anfinge, läge die reizendste Wollust in seinen Armen - die höchste
positive Lust durchdränge ihn. Könnte Krankheit nicht ein
Mittel höherer Synthesis sein? - Je fürchterlicher Schmerz, desto
höher die darin verborgene Lust. (Harmonie.) Jede Krankheit ist
vielleicht ein notwendiger Anfang der innigern Verbindung zweier Wesen
- der notwendige Anfang der Liebe. Enthusiasmus für Krankheiten und Schmerzen.
Tod - eine nähere Verbindung liebender Wesen.
Poetik des Übels.
Fängt nicht überall das Beste mit Krankheit an? Halbe Krankheit
ist Übel - ganze Krankheit ist Lust - und zwar höhere.
Über die anziehende Krankheit des Übels.
Oder ließe sich das Übel in der Welt vertilgen, wie das Böse
? Soll etwa die Poesie die Unlust - wie die Moral das Böse vertilgen?
Übergang des guten Herzens zur Tugend - geht der nicht durch das Böse?
- nein, aber durch die Philosophie
Es gibt nichts absolut Böses und kein absolutes Übel. - Es ist möglich,
daß der Mensch sich allmählich absolut böse macht
- und so allmählich auch ein absolutes Übel schafft - aber beides
sind künstliche Produkte - die der Mensch nach Gesetzen der Moral und
Poesie schlechthin annihilieren soll - nicht glauben - nicht annehmen. Nur
durch Meinung (welche ein aus Glauben entsprungnes, schaffendes Wissen ist)
entsteht und besteht Übel und Böses.
Da Subjekt und Objekt eins sein sollen (nicht sind), vereinigt werden
sollen - so wird das scheinbar objektiv Böse, das Übel, und
das scheinbar subjektive Übel, das Böse usw. auch vereinigt werden
und dadurch ipso facto beides für die tugendhaften Dichter vernichtet,
weil sie eins mit dem andern notwendig annihi1ieren. Auf einer gewissen
Stufe des Bewußtseins existiert jetzt schon kein Übel usw. - und
dieses Bewußtsein soll das permanente werden.
So soll auch der Philosoph den Standpunkt des gemeinen Bewußtseins als
den Grund alles logischen Übels der Unwahrheit allmählich annihi1ieren
- welches eben dadurch geschieht, daß er den höhern Standpunkt
zum herrschenden und endlich einzigen zu machen sucht.
Durch Annihilation des Bösen usw. wird das Gute realisiert - introduziert,
verbreitet.
Alles Übel und Böse ist isolierend (es ist das Prinzip der Trennung)
durch Verbindung wird die Trennung aufgehoben und nicht aufgehoben - aber
das Böse und Übel als scheinbare Trennung und Verbindung
wird in der Tat durch wahrhafte Trennung und Vereinigung, die nur wechselseitig
bestehn, aufgehoben.
Ich vernichte das Böse und Übel usw. durch Philosophieren
- Erhöhung - Richtung des Bösen und Übels auf sich selbst,
welches beim Guten und der Lust usw. gerade umgekehrt der Fall ist. (Böse
Behandlung des Bösen - Kriminaljustiz.) (Anwendung des Grundsatzes Minus
mit Minus usw.)
[1463]
Das Märchen ist gleichsam der Kanon der Poesie - alles
Poetische muß märchenhaft sein. Der Dichter betet den Zufall an.
[1464]
Ein Märchen ist eigentlich wie ein Traumbild - ohne Zusammenhang - Ein
Ensemble wunderbarer Dinge und Begebenheiten - z. B. eine musikalische
Fantasie - die harmonischen Folgen einer Äolsharfe - die Natur
selbst. Wird eine Geschichte ins Märchen gebracht so ist dies
schon eine fremde Einmischung - eine Reihe artiger, unterhaltender Versuche
- ein abwechselndes Gespräch - eine Redoute sind Märchen. Ein höheres
Märchen wird es, wenn ohne den Geist des Märchens zu verscheuchen
irgendein Verstand - (Zusammenhang, Bedeutung usw.) hineingebracht
wird. Sogar nützlich könnte vielleicht ein Märchen werden.
Der Ton des bloßen Märchens ist abwechselnd - er kann aber auch
einfach sein.
Bestandteile der Märchen.
[1465]
Hätten wir auch eine Phantastik, wie eine Logik, so wäre
die Erfindungskunst - erfunden. Zur Phantastik gehört auch die Ästhetik
gewissermaßen, wie die Vernunftlehre zur Logik.
[1466]
Sonderbar, daß eine absolute, wunderbare Synthesis oft die Achse
des Märchens - oder das Ziel desselben ist.
[1467]
Das Märchen ist ganz musikalisch.
[1468]
Elemente des Romantischen. Die Gegenstände müssen wie die Töne
der Äolsharfe da sein, auf einmal, ohne Veranlassung - ohne ihr Instrument
zu verraten.
[1469]
Von Gott nur recht einfach, menschlich und romantisch gesprochen.
[1470]
Höchst sonderbar ist die Ähnlichkeit unsrer heiligen Geschichte
mit Märchen - anfänglich eine Bezauberung, dann die wunderbare
Versöhnung usw. die Erfüllung der Verwünschungsbedingung.
[1471]
Zukünftige Literatur. Es wird eine schöne Zeit sein,
wenn man nichts mehr lesen wird, als die schöne Komposition
- als die literarischen Kunstwerke. Alle andre Bücher sind Mittel und
werden vergessen, wenn sie keine tauglichen Mittel mehr sind - und dies können
die Bücher nicht lange bleiben.
[1472]
Erzählungen, ohne Zusammenhang, jedoch mit Assoziation, wie Träume.
Gedichte - bloß wohlklingend und voll schöner Worte - aber
auch ohne allen Sinn und Zusammenhang - höchstens einzelne Strophen verständlich
- sie müssen lauter Bruchstücke aus den verschiedenartigsten Dingen
sein. Höchstens kann wahre Poesie einen allegorischen Sinn im
großen haben und indirekte Wirkung wie Musik usw. tun - Die Natur ist
daher rein poetisch - und so Stube eines Zauberers - eines Physikers
- eine Kinderstube - eine Polter- und Vorratskammer.
[1473]
3. Kunstlehre
Phänomenologische Natur der Malerei.
[(1474)]
Kunstlehre. Kritik. Über das neuere Prinzip der Nachahmung der Natur.
(Realisierung des Scheins. Schlegel senior.)
[1475]
Perfekte Stereometrik der Malerei. (Flächen- und Linienkunst. Kubische
Kunst.)
[1476]
War Raffael Seelenmaler? Was heißt das?
[1477]
Bekleidete Natur. Ton der Landschaft. (Stilleben)
[1478]
Kunstlehre. Sind technische Definitionen und Konstruktionsformeln - Rezepte?
[1479]
Natur. Kunstlehre. Ein Element ist ein Kunstprodukt.
Es gibt noch keine Elemente - es sollen aber welche gemacht werden. Sollte
die Kunst eine Differentiation (und Integration) des Geistes
sein? Philologie (Archäologie) in ausgedehntesten Sinne, als Wissenschaft
der Kunstgeschichte usw. - etwa die Integrationslehre? Ein Kunstwerk ist ein
Geistelement.
[1480]
Artistik. Handwerksfertigkeiten (Handwerker) dirigiert der Künstler.
Er konzentriert durch eine höhere Einheit verschiedne Handwerke, durch
welche höhere Konzentration sie selbst eine höhere Bedeutung erhalten.
Der höhere Künstler komponiert aus den Einheiten der niederen Künstler
eine Variationsreihe höherer Einheiten und so fort
[1481]
Artistik. Je einfacher im ganzen - und je individueller und mannigfacher
im Detail - desto vollkommner das Kunstwerk. Auch die fibra simplicissima
muß noch individuell und gebildet und analog sein.
[1482]
Artistik. (Die Kunst überhaupt sollte das Prinzip der äußern
Kennzeichen sein - überhaupt fremde Einwirkung - Beziehung auf das Fremde.)
Mischung und Trennung der Merkmale der Bewegung und Ruhe.
[1483]
Kunstlehre. Grenzen der Malerei - und Skulptur. Gang der Skulptur vom
Ideal heraus. Gang der Malerei zum Ideal hinein.
[1484]
Eine Bildsäule und Gemälde müssen auch wohl Formeln für
ihre Konstruktion - individuelle Kunstregeln - sein!
[(1485)]
Kleidung und Person sind bei den griechischen Figuren eins - Assimilation
der Kleidung.
[(1486)]
Über Tiermalerei.
[(1487)]
Kunstlehre. Über das charakterisierende Glied einer jeden
Komposition.
[1488]
Archäologie. Definition der Antike. Antike Darstellung
der Antike. Erziehung zu den Antiken.
[1489]
Enzyklopädistik. Die Skulptur und die Musik sind sich, als entgegengesetzte
Härten, gegenüber. Die Malerei macht schon den Übergang
Die Skulptur ist das (Gebildete) Starre. Die Musik das (Gebildete) Flüssige.
(Masken der alten Schauspieler.) (Über Farben.)
[1490]
Artistik. Idealische Fossilien und Pflanzenmalerei - Idealische Tierbildnerei.
(Attribute der griechischen Götter. Signaturen.)
[1491]
Die Versteinerung der Sibylle.
[(1492)]
Laokoon - Wollust dieser Gruppe. Zusammensetzung und Verstärkung
der einfachen Empfindungen der Kinder im Vater. Betrachtung über die
Schlangen - Schlangennatur. Nur eine Schlange - die Schlangen weggedacht.
Andre Schlangengruppen. Laokoon, als Glied einer Reihe - als Studium - nicht
als Kunstwerk - bloß wissenschaftliches Kunstwerk. Zwei Satirs, die
drei Nymphen fassen usw.
Die Schlange, ein (sichtbares) sinnliches Gift. Schlangen müssen nicht
fressen, nur stechen - Gift einflößen und saugen - nur töten
und Leben saugen.
(Mechanisches Eindringen, - chemisches Eindringen, - lebendiges Eindringen
- alles dreies zugleich.)
Es ist ein unmoralisches Kunstwerk. Vergils religiöse Darstellung
des Laokoon ein glücklicher Kunstgriff, aus dem Laokoon ein Opfer
zu machen oder eine Vertilgung des Schädlichen durchs Schädliche.
Ließe sich nicht ein umfassenderer, kurz höhergrädiger Moment
im laokoontischen Drama denken - vielleicht der, wo der höchste Schmerz
in Rausch - der Widerstand in Ergebung - das höchste Leben in Stein übergeht.
(Sollte der Bildhauer nicht immer den Moment der Petrefaktion ergreifen
- und aufsuchen - und darstellen - und auch nur diesen darstellen können?)
Die höchsten Kunstwerke sind schlechthin ungefällig. - Es
sind Ideale, die nur approximando gefallen können - und sollen
- ästhetische Imperative. So soll auch das Moralgesetz approximando -
Neigungs- (Willens-)Formel werden. (Idealwillen - Unendlicher Willen. Vom
Unerreichbaren, seinem Charakter nach, läßt sich keine Erreichung
denken - es ist gleichsam mit der idealische Summenausdruck der ganzen Reihe
und mithin scheinbar das letzte Glied - der Typus jedes Glieds - von jedem
Gliede indiziert.)
[1493]
Allem Ideal liegt eine Abweichung von der gemeinen Regel oder eine höhere
(krumme) Regel zum Grunde. (Von geraden und krummen Regeln.) (Das Moralgesetz
ist eine krumme Regel.)
Unterschied zwischen Wahrheit und Schönheit - wie zwischen Recht und
Moralität. Die Künstler verwechseln oft Wahrheit mit Schönheit.
Wahrheit und Recht sind Studien - bloß zum Privatregulativ der Moralität
und Schönheit - und ihrer Darstellung - der Kanon, der verändert
wird usw.
[1494]
Wenn wir Selbsterzeugnisse und Machwerke mit Naturprodukten
vergleichen, so werden wir die Natur verstehn lernen. Man versteht Künstler,
insofern man Künstler ist und wird und sich also selbst
versteht.
[1495]
Über die Kunst - in die "Propyläen". Entstehung der Kunst.
Über die Artistik der Natur. Ihre Zweckmäßigkeit für
Freiheit des Menschen. Sie ist durchaus zukünftig - usw.
[1496]