(Anthony Ashley Cooper, Earl of Shaftesbury. 3. Earl of Shaftesbury (seit
1699), geb. London 26. 2. 1671, gest. Neapel 4. 2. 1713)
Der Dichter
Ich muß gestehen, sagt er, daß schwerlich
eine abgeschmacktere Gattung Menschen irgend wo zu finden ist, als die, denen
man in den neueren Zeiten, wegen einiger Fertigkeit wohltönend zu sprechen,
wegen eines unüberlegten abgeschmackten Witzes, und einiger Einbildungskraft,
den Namen der Dichter gegeben hat.
Der Mann, der den Namen eines Dichters wahrhaftig und
in dem eigentlichen Sinn verdient, der, als ein wahrer Künstler oder
Baumeister in dieser Art, so wohl Menschen als Sitten schildern, der einer
Handlung ihre gehörige Form und ihre Verhältnisse geben kann, ist,
wo ich nicht irre, ein ganz anders Geschöpf. Denn ein solcher Dichter
ist in der Tat ein andrer Schöpfer, ein wahrer Prometheus unter Jupiter.
Gleich jenem obersten Künstler oder der allgemeinen bildenden Natur,
formt er ein Ganzes, wohl zusammenhängend, und in sich selbst wohl abgemessen,
mit richtiger Anordnung und Zusammenfügung seiner Teile. Er bezeichnet
das Gebiet jeder Leidenschaft, und kennt genau jeder derselben Ton und Maß,
wodurch er sie mit Richtigkeit schildert; er zeichnet das Erhabene der Empfindungen
und der Handlung, und unterscheidet das Schöne von dem Häßlichen,
das Liebenswürdige von dem Verächtlichen.
Der sittliche Künstler, der auf diese Weise dem
Schöpfer nachahmen kann, und eine solche Kenntnis der inneren Gestalt
und des Baues seiner Mitgeschöpfe hat, wird, wie ich denke, schwerlich
sich selbst mißkennen, oder über diejenigen Verhältnisse unwissend
sein, die die Harmonie der Seele ausmachen; denn eine niederträchtige
Sinnesart macht die eigentliche Dissonanz und Disproportion aus. Und ob gleich
nichtswürdige Menschen auch ihren hohen Ton und natürliche Fähigkeit
zu handeln haben können; so ist es doch nicht möglich, daß
richtige Urteilskraft und sittliches Gefühl sich da finden sollten, wo
Harmonie und Redlichkeit mangeln.